Im Interview: Hans Heinrich Nöll

„Die Anstrengungen müssen verstärkt und die Kapazitäten ausgebaut werden.“

Dr. Hans Heinrich Nöll ist Hauptgeschäftsführer des Verbandes Deutscher Reeder (VDR)

Dr. Hans Heinrich Nöll ist Hauptgeschäftsführer des Verbandes Deutscher Reeder (VDR)

Der Welthandel boomt, die Schifffahrt profitiert vom globalen Güterverkehr, die weltweite Flotte wächst. Doch schon heute fehlt gut geschultes Personal für die steigende Zahl der Schiffe. Darum fordert und fördert auch der Verband Deutscher Reeder (VDR) die Ausbildung des seemännischen Nachwuchses. Warum hiesige Schifffahrtsunternehmen sogar in der politischen Verantwortung stünden, deutsche Seeleute auszubilden, erörtert VDR Hauptgeschäftsführer Dr. Hans Heinrich Nöll im Gespräch im Gespräch im März 2008.

Herr Dr. Nöll, der Reederverband ist bestrebt, das Image des Berufsbildes „Seefahrt“ weiter zu verbessern, wirbt in der Öffentlichkeit um Interessenten und ruft seine rund 220 Mitglieder zu intensiver Nachwuchsarbeit auf. Wieso brennt die Ausbildungssituation dem VDR als übergeordnetem Organ derart unter den Nägeln?

Nöll: Es herrscht ein Mangel an Schiffsoffizieren, insbesondere an deutschen Führungskräften an Bord. International fahren rund 3.000 Schiffe in deutschem Eigentum, davon 400 unter deutscher Flagge, wir haben 60.000 Seeleute im Einsatz auf den Schiffen deutscher Eigner, davon sind ein Sechstel Deutsche. Binnen der nächsten drei Jahre kommen gut 1.300 Schiffe neu hinzu, die Abwrackquote geht gegen null, das heißt der Nettozuwachs ist hoch. Natürlich ist die Schifffahrt ein globales Geschäft, aber sie findet hier an einem nationalen Standort statt. Dessen Interessen haben wir zu vertreten. Es ist nicht einerlei, wie der Personalbedarf gedeckt wird. Wir sollten dafür Sorge tragen, dass wir alle Quellen, die sprudeln können, erschließen, um die stark expandierende Flotte deutscher Eigner mit deutschem Personal zu besetzen.

Sind denn die Rahmenbedingungen, auch finanzieller Natur, dafür geschaffen?

Nöll: Wir haben in Deutschland eine gute Schifffahrtsstruktur und einen florierenden Markt, wir sind einer der Hauptprofiteure der Globalisierung. Einzelne Reedereien und der VDR investieren Millionen in zweistelliger Höhe für die Ausbildung. In Ergänzung zu Bundesmitteln schütten wir eine verbandsinterne Ausbildungsförderung aus und auf der jüngsten Maritimen Konferenz wurde beschlossen, die nautischen Ausbildungsstandorte in den Küstenländern beim Kapazitätsausbau zu unterstützen. Das sind günstige Rahmenbedingungen und die Beluga Sea Academy stellt ein besonders erfolgreiches Modell dar, wie ein Unternehmen auf diesem Feld aktiv sein kann. Die Arbeitslosigkeit in Deutschland ist noch immer hoch, Personal wird dringend benötigt, da die maritime Wirtschaft weiter wächst: Das muss effektiv verbunden werden. Es kann ja nicht so schwer fallen auszubilden, die Leute werdenschließlich gebraucht.

In den vergangenen vier Jahren hat sich die Zahl der von den etwa 100 ausbildenden maritimen Unternehmen angebotenen Ausbildungsplätze von rund 400 auf mehr als 900 erhöht. Doch Sie sehen die deutschen Reedereien noch stärker in der Pflicht?

Nöll: Die Anstrengungen müssen weiter verstärkt und Kapazitäten ausgebaut werden. Private Initiativen können die staatlichen Schulen hier auch etwas antreiben. Wenn wir die Garantie bekommen, dass die Rahmenbedingungen gut bleiben, müssen wir dafür einen Preis zahlen. Und der heißt: Mehr einheimisches Personal auszubilden und zu beschäftigen sowie mehr Schiffe unter deutscher Flagge zu führen, was auch gesellschaftlich von hoher Relevanz ist.

Sie sprechen von einer Gegenleistung…

Nöll: … von einer politischen Verpflichtung, ja. Die strukturierte deutsche wie auch europäische Schifffahrtspolitik verfolgt die Ziele Standortstärkung, Beschäftigungsförderung, Umweltschutz und Schiffssicherheit. Wenn wir wollen, dass die guten Bedingungen stabil erhalten bleiben, müssen wir diese Kernziele mittragen und entsprechend handeln.

In welcher Form profitiert der maritime Standort Deutschland davon, wenn einzelne Reedereien ihr Personal selber ausbilden?

Nöll: Zurzeit ist die Situation so, dass die Landbeschäftigten eher aus dem Inland, die Schiffsbesatzungen eher aus dem Ausland stammen. Das alleine wollen wir mit vermehrtem deutschem Nautikernachwuchs schon verändern. Doch auch so bekommen sie das qualitativ hochwertige Landpersonal mit Borderfahrung nur, wenn sie vorher genug seemännisches Personal hatten. Darin speziell liegt die Chance der Deutschen: zum einen im technisch-nautischen, zum anderen im Management-Bereich. Es gibt doch auch um die reine Schifffahrt herum viele Beschäftigungsmöglichkeiten vom Inspektor über den Schiffsmakler und den Schiffsfinanzierer bis hin zum Beraterwesen. Diese – ich nenne sie mal parallele Möglichkeiten – sind gerade in Deutschland sehr stark ausgeprägt.

Wie gedenkt der VDR künftig vorzugehen, um die Ausbildung zu stärken?

Nöll: Wir werden weiterhin permanent auf Messen und bei Arbeitsagenturen werben, werden weiter vorzeigen, was den Seemannsberuf ausmacht, werden mit der internen Ausbildungsabgabe operieren und uns für eine einheitliche Linie in der Ausbildung einsetzen. Und wir wollen noch mehr VDR-Mitglieder überzeugen, deutsches Personal auszubilden. Ich bin sicher, das wird gelingen: Denn es besteht der Wunsch und es gibt den Bedarf.

Öffnet einen internen Link im aktuellen FensterIm Gespräch: Expertenrunde

 

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