Expertenrunde: Nachwuchsförderung in der Schifffahrt

„Ein hochmodernes, wirtschaftlich und technisch extrem anspruchsvolles Berufsbild“

Im Gespräch: Prof. Kapt. Peter Irminger, Kapt. Thomas Awiszus und Prof. Kapt. Christoph Wand (von links)

Im Gespräch: Prof. Kapt. Peter Irminger, Kapt. Thomas Awiszus und Prof. Kapt. Christoph Wand (von links)

Noch vor wenigen Jahren standen einige der norddeutschen Seefahrtschulen kurz vor der Schließung. Das Interesse an maritimen, speziell nautischen Berufsfeldern war eher gering, die Zahl der Studenten nahm stetig ab. Zudem gab es kaum noch Reedereien, die als private Projektpartner der staatlichen Institutionen die praktische Vermittlung der komplexen Lehrinhalte übernahmen.

Heute hat sich dieses Bild nahezu komplett gewandelt. Die Hochschulen freuen sich über ständig steigende Studentenzahlen, mittlerweile stehen sogar zu wenig Plätze zur Verfügung. Wie mit einer passgenauen und praxisorientierten Ausbildung eine effektive Nachwuchsförderung betrieben und der ständig steigende Personalbedarf an Land und auf See gedeckt werden kann, diskutieren drei ausgewiesene Experten: Prof. Kapt. Peter Irminger, Leiter der Studiengänge Nautik und Shipping und Chartering an der Hochschule Bremen, Prof. Kapt. Christoph Wand, Diplom-Nautiker und Praxissemesterbeauftragter der Fachhochschule Oldenburg/Ostfriesland/Wilhelmshaven im Fachbereich Seefahrt in Elsfleth, sowie Kapt. Thomas Awiszus, Leiter der Personalabteilung See und der Sea Academy bei der Beluga Group.

Warum begeistern sich junge Menschen wieder für einen Beruf in der Schifffahrt? Wodurch entstand die neue Anziehungskraft?

Irminger: Die vielschichtige Ausrichtung der nautischen Ausbildung ist sehr attraktiv. Zum einen arbeiten Nautiker nicht nur in der Schifffahrt, sondern in hochrangigen Positionen bei Firmen und Institutionen, wo man sie nicht zwangsläufig vermutet. Zum anderen möchte sich ein junger Mensch heute nicht mehr für ein komplettes Arbeitsleben auf See entscheiden. Durch den dualen Ansatz des Nautik-Studiums aber hat jeder die Chance, vom Bordjob direkt in den Landjob zu wechseln.

Wand: Spannend ist auch, dass das Arbeitsklima nicht erst auf dem Schiff ein anderes ist als üblich, sondern bereits direkt an der Seefahrtschule. Wir sind ja immer noch eine vergleichsweise kleine Gruppe von Kapitänen und erfahrenen Seeleuten und sehen die Studierenden nicht als Schüler, sondern als künftige Kollegen.

Awiszus: Die persönliche Verantwortlichkeit für die Kadetten steht ganz klar oben an. Und während das Image der Seefahrt früher wesentlich aus Abenteuergeschichten, rostigen Schiffen und langen Liegezeiten bestand, bildet der Nautiker oder Mechaniker an Bord heutzutage ein hochmodernes, wirtschaftlich, technisch sowie sprachlich extrem anspruchsvolles Berufsbild ab. Darum sagen jetzt auch zunehmend Frauen: „Ja, das ist etwas für mich.“ Die maritimen Berufe bieten ausnahmslos gute Zukunftschancen.

Wie stellen Sie die Eignung der Interessenten sicher?  

Prof. Kapt. Christoph Wand, Diplom-Nautiker und Praxissemesterbeauftragter der Fachhochschule Oldenburg/Ostfriesland/Wilhelmshaven, Fachbereich Seefahrt Elsfleth

Prof. Kapt. Christoph Wand, Diplom-Nautiker und Praxissemesterbeauftragter der Fachhochschule Oldenburg/
Ostfriesland/Wilhelmshaven,  Fachbereich Seefahrt Elsfleth

Wand: Am Anfang steht ein sechsmonatiges Praxissemester an Bord einesFrachtschiffes, damit jeder gleich sieht, wie das Leben und Arbeiten auf einem Schiff wirklich ist und ob dieser Beruf tatsächlich das Richtige für sie oder ihn darstellt. Um am Zulassungsverfahren für das Studium teilzunehmen, ist deshalb auch die Vorlage eines Praxissemestervertrages mit einer ausbildenden Reederei nötig.

Awiszus: Um überhaupt einen dieser begehrten Praxissemesterplätze zu erhalten, müssen sich Interessenten zunächst direkt an uns, an die Reederei, wenden. Natürlich versuchen wir dann in den Gesprächen auch etwas über die Persönlichkeit der Bewerber zu erfahren.

Irminger: Menschliche Kompetenzen, zum Beispiel Teamfähigkeit, sind gerade für das enge Zusammenwirken an Bord außerordentlich wichtige Faktoren. Deshalb wollen wir auch einen Kompetenzcheck einführen, denn ein Einser-Abitur spiegelt nicht automatisch die Eignung für diesen Beruf wider. Wir arbeiten an einem Zulassungsmodell, das zu 55 Prozent die Abiturnote und zu 45 Prozent die persönliche Kompetenz berücksichtigt.

Wand: Generell müssen sich die Studenten auf eine hohe Arbeitsbelastung einstellen. Es werden viele verschiedene Leistungsnachweise gefordert, die unterschiedlichste Themen betreffen: unter anderem Psychologie, Soziologie, Mathematik, Technik oder Ökonomie.

Wie gestaltet sich die Aufgabe der Beluga Sea Academy während des Studiums?

Awiszus: Wir stellen unseren Partnerhochschulen die dringend benötigten Praxissemesterplätze an Bord unserer Flotte zur Verfügung. Dabei gewährleisten wir durchgehend die Betreuung und Unterstützung der jungen Leute. Und wir trainieren unsere Regelbesatzung, die Kadetten nicht als Arbeitsplatzkonkurrenten anzusehen, sondern sie entsprechend dem Ausbildungskonzept stringent auf das Studium respektive den Beruf vorzubereiten. Wir wünschen uns, dass sich die Besatzung aktiv einbringt und die eigenen vielfältigen Erfahrungen an die Kadetten weitergibt.

Wand: Das Thema Ausbildung wird bei der Beluga Group großgeschrieben, an der Sea Academy orientieren sich inzwischen auch andere Reeder. Das freut mich sehr, denn als die Seefahrtschulen von der Schließung bedroht und der Personalmangel auf See bereits abzusehen war, wollten wir die alte Ausbildungsstrategie der DDG „Hansa“ mit eigenen Kadettenschiffen in moderner Form wieder beleben: In Niels Stolberg haben wir jemanden gefunden, der für diese Idee ein offenes Ohr hatte.

Awiszus: … und der umgehend die Möglichkeit bieten konnte, Schiffe entsprechend mit einem Kadettendeck auszurüsten.

Seit wann genau laufen denn bei Beluga diese verstärkten Ausbildungsbemühungen?

Awiszus: Schon Ende der Neunzigerjahre war der eintretende Personalmangel in der Seeschifffahrt absehbar: Darauf haben wir uns frühzeitig eingestellt und vorbereitet. Über eine Kooperationsvereinbarung mit der Seefahrtschule in Elsfleth wurden die ersten Weichen für eine langjährige, in die Zukunft gerichtete Zusammenarbeit gestellt. Seit 1999 verfolgen wir die Nachwuchsförderung konsequent und sind damit gegenüber anderen Reedereien strategisch besser aufgestellt. Mittlerweile denken wir auch darüber nach, die Nachwuchsförderung zu internationalisieren. 

Prof. Kapt. Peter Irminger, Prodekan der Hochschule Bremen und Leiter des Fachbereichs Nautik

Prof. Kapt. Peter Irminger, Prodekan der Hochschule Bremen und Leiter des Fachbereichs Nautik

Irminger: Dieser Ansatz entspräche einem meiner großen Wünsche: Wir dürfen in der Nautik nicht mehr nur deutsch denken, sondern sollten den Dozenten- und Studentenaustausch mit anderen Ländern intensivieren. Andererseits müssen wir in der Außendarstellung den Ausbildungsstandort Deutschland stärken, woran wir alle ja arbeiten.

Werden die Hochschulen ihre Kapazitäten entsprechend ausbauen oder sich umstrukturieren?

Irminger: In Bremen ist es unser Ziel, für die Nautik von 100 auf 120 Plätze aufzustocken, womit wir die höchste Zulassungsquote aller Studiengänge hätten. Im Sinne der Internationalität stellen wir zum Wintersemester 09/10 auf Bachelor-Master um und werden dann zu zwei Dritteln patentrelevante Inhalte und zu einem Drittel Managementtraining für Landanstellungen anbieten. Insgesamt wird der Studiengang Nautik immer umfangreicher mit derzeit rund 32 Semesterwochenstunden und 54 Leistungsnachweisen, die in sechs Semestern zu erbringen sind.

Wand: Wir in Elsfleth streben einen Ausbau der Forschungskapazitäten an. In diesem Sinne sehen wir erwartungsvoll dem in Bau befindlichen Maritimen Kompetenzzentrum entgegen. Außerdem wollen wir als Fernziel einen dualen Studiengang aufbauen, der Nautik und Schiffsmechanik eng miteinander verzahnt.

Die Sea Academy existiert nun im vierten Jahr: Sind die primären Ziele bereits erreicht worden? 

Kapt. Thomas Awiszus, Leiter der Personalabteilung See und der Beluga Sea Academy

Kapt. Thomas Awiszus, Leiter der Personalabteilung See und der Beluga Sea Academy

Awiszus: Ja, unser Masterplan „Ausbildung“ trägt Früchte, so dass Beluga den vielerorts beklagten Personalmangel nicht zu spüren bekommt. Dank der Sea Academy werden wir ab dem kommenden Jahr die ersten jungen Kapitäne an Bord haben, die wir selbst vollständig ausgebildet haben. Schon heute sind ehemalige Kadetten an Bord als Offiziere im Einsatz. Gut die Hälfte unserer Absolventen sind aktiv in der Seefahrt tätig, 35 Prozent übernehmen einen Landjob. Natürlich gibt es bei dieser schwierigen und speziellen Ausbildung auch Studienabbrecher, derzeit ungefähr 15 Prozent. Hier versuchen wir, mit intensiver Betreuung gegenzusteuern: Neben der Ausbildung auf See erfahren unsere Kadetten bereits sehr früh ein hohes Maß an Aufmerksamkeit, zum Beispiel durch Seminare für Kapitäne oder Ingenieure oder durch die individuelle Förderung Einzelner durch Stipendien und auch die Bereitstellung von Wohnraum an den Hochschulstandorten. Ein erfolgreiches Konzept, das es uns ermöglicht, einen Großteil der gut 400 Offiziere, die wir im Zuge unserer strategischen Flottenerweiterung in naher Zukunft benötigen werden, aus den eigenen Reihen bzw. den einschlägigen Kaderschmieden, mit denen wir eng kooperieren, zu rekrutieren.

Mit dem Maritimen Kompetenzzentrum Elsfleth sind viele Hoffnungen verbunden. Könnte dieses Public-Private-Partnership-Projekt (PPP) eine ähnliche Kaderschmiede“ werden?

Awiszus: Das ist das Ziel: Unter der Federführung von Beluga entsteht mit dem Maritimen Kompetenzzentrum ein einzigartiger Campus, der die Bereiche Wissenschaft, Wirtschaft, Lehre und Forschung auf einem Areal vereint. Der Sektor „maritime Forschung“ spielt hier eine entscheidende Rolle. Innovationspotenziale sollen entdeckt, gefördert und entwickelt werden. Der Transfer von Wissenschaft und Wirtschaft steht hier ebenso im Vordergrund wie die Nutzung der sich vor Ort ergebenden Synergieeffekte durch die Ansiedlung von privatwirtschaftlichen Unternehmen der maritimen Branche. Ziel sämtlicher Ausbildungsaktivitäten ist es, qualifizierte Arbeitskräfte auf See, aber auch an Land zur Verfügung zu stellen: Denn diese Fachkräfte können problemlos in jedem Sektor der Seeschifffahrt sowohl auf See als auch an Land arbeiten.

Irminger: … einen wichtigen Aspekt möchte ich an dieser Stelle hinzufügen: Die Gründung der Sea Academy hat auch dazu geführt, dass bei den jungen Menschen heute neben der Bezahlung vor allem zählt, wie gut sich die Reederei persönlich um sie kümmert. Und da ist Beluga Vorbild.

 

Öffnet einen internen Link im aktuellen FensterIm Interview: Hans Heinrich Nöll 

 

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